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Die Vision des Kardinals Nikolaus von KuesSie kamen in eine kleine uralte Kirche. Und jetzt bot sich dem Kardinal ein wahrhaft ungeheurer Anblick. Tausend und mehr Nonnen beteten in der kleinen Kirche. Sie waren so schmal, dass sie Raum genug hatten. Sie beteten. Aber der Kardinal hatte noch nie so beten gesehen. Sie knieten nicht, sondern standen hoch aufgerichtet. Die Arme hatten sie weit ausgetreckt, die Handflächen nach oben. Denn das war das Ungeheure: sie trugen in ihren schwachen Händen Männer und Frauen, Kaiser und Könige, Städte und Länder. Manchmal schlossen sich etliche Händepaare um eine Stadt zusammen, oder ein Land ruhte auf einer ganzen Mauer stützender Arme, und auch da noch war um jede Betende ein Raum von Stille und Abgeschlossenheit. Nikolaus sah in den Händen einer jungen, fast kindhaften Nonne den Papst. Man sah, wie schwer sie an ihrer Last trug, aber ihr Gesicht war vom Glanz der Freude überstrahlt.
«Aber was ist mit denen, die nicht lieben?» fragte er. Da ging sie mit ihm in die Krypta der Kirche, wo abermals tausend und mehr beteten. Aber wenn jene, die zu Haltenden mit ihren Händen trugen, so taten es diese mit ihrem Herzen. Um sie war eine Luft eisiger Kälte, die um das Schicksal unsterblicher Seelen lag. «Seht ihr, Kardinal», sagte Livia, «so werden auch diese noch gehalten, die aufgehört haben zu lieben. Zuweilen geschieht es, dass sie wieder warm werden an der Glut der Herzen, die sich für sie hingeben.» Der Kardinal blickte gespannt auf diese sich opfernden Frauen. er hatte immer gewusst, dass es sie gab, aber es war ihm nie so offenbar geworden wie jetzt, was sie für die Kirche und für die Welt, für die Völker und für jeden einzelnen bedeuteten, jetzt ging es ihm fast erschreckend auf. Da sagte Livia: «Das vergesst Ihr oft, Ihr Tätigen, Ihr Fleissigen, die Ihr die Welt bewegt, dass Gott nicht aufgehört hat, sie von innen zu bewegen. Auch dazu erwählt er Menschen, aber schweigende, hingeopferte, solche, die gewissermassen an das Kreuz seines Sohnes geschlagen werden. Ihr habt reformiert, und andere werden weiter reformieren. Ihr sein kleinmütig gewesen. Aber über Eurer Reform und über Eurem Kleinmut steht die Erbarmung des Erbarmenden, wie Ihr sie nun habt sehen dürfen.»
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